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Hope we can get out of this alive!

März 12th, 2012 · 1 Comment · GLOBALIST, Kulturkrieger

Sie haben Angst. Nicht nur etwas Angst, sie haben Angst um ihr Leben. Junge Iraker bekommen es  gerade mit religiösen Fanatikern der Extraklasse zu tun. Und wenn man den Gerüchten glaubt, dann hat das mehrere dutzend Jugendliche bereits das Leben gekostet. Sie wurden, heißt es, gesteinigt, zu Tode geprügelt oder von Dächern gestoßen. Die Opfer sollen  Schwule, Musiker und  junge Iraker, die auffällig westlich gekleidet sind, sein.

Die Geschichte, die mir ein befreundeter Bassist einer Metal Band aus Bagdad in den vergangenen zwei Nächten erzählt hat, ist nichts weniger als blanker Horror. Da machen offenbar durchgeknallte Extremisten Jagd auf eine ganze Jugendbewegung: Emos, was im Irak mit Schwulen gleichgesetzt wird, Metal-Anhänger, oder Iraker, die einfach nur schwarze T-Shirts, Piercings oder auffällige Frisuren tragen.

Auf der Facebook-Seite meines Freundes, sagen wir einfach, er heißt Ahmad, erschien kürzlich diese Botschaft:

IT’S A CRY OUT FOR THE SITUATIONS IN IRAQ. WE ARE FUCKED (…) WE HAD TO UNPUBLISH OUR PAGE AND HIDE OUR IDENTITIES FOR A WHILE TILL SHIT SETTLE DOWN!!!

Ahmad erzählt mir, dass die Regierung vor einigen Wochen begonnen hat, Emos zu jagen. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, Blut zu trinken und sie werden als gottlose Teufelsanbeter angeprangert. Umstritten ist, ob Innen- oder Erziehungsministerium ihre Hände im Spiel haben. Unklar ist auch, wer genau die Jugendlichen eigentlich jagt und in wessen Auftrag. Dass sie gejagt werden, daran besteht jedoch kein Zweifel.

Laut dem arabischen Nachrichtensender Al Arabiya hatte das Innenministerium folgende Nachricht auf seiner Website veröffentlicht:

‘The Emo phenomenon or devil worshipping is being followed by the Moral Police who have the approval to eliminate [the phenomenon] as soon as possible since it’s detrimentally affecting the society and becoming a danger,’ (…) ‘They wear strange, tight clothes that have pictures on them such as skulls and use stationary that are shaped as skulls. They also wear rings on their noses and tongues, and do other strange activities.’

Ahmad sagt, dass das stimmt. Das Innenministerium bestreitet es und wirft ausländischen Medien vor, sich diese Geschichten auszudenken. Alles, was Ahmad mir schreibt, hört sich aber nicht gerade ausgedacht an. Hunderte Jugendlich sind in nackter Panik. Auf Facebook warnen sie sich gegenseitig.

“They are chasing on the net and names have been given!! watch out bro..try to wear ordinary things.“

Ansonsten überschlagen sich die Gerüchte, gerade, was die Todeszahlen angeht. Von 58 bis 100 ist die Rede. Ahmad dazu:

„the no. of killing is still not a 100% sure…but the words says that the national guard is cutting the hair for start up..and then some people said some groups are head smashing the emos/metal heads with big bricks! haven’t seen anything yet. But everybody keeps repeating it.“

Die Bilder junger, westlich gekleideter Manner mit zertrümmerten Schädeln existieren bereits. Sie sehen ziemlich echt aus. Das Problem ist, dass niemand mehr weiß, wer eigentlich im Fadenkreuz steht. Ahmad schreibt mir, dass

„due to the ignorance, (…) they think metal and western music is related to them  also (…) the thing is, it got to even normal people who dress a little bit fashiony.“

Offenbar kursiert aber auch eine wahre Hit List. Auch das bestätigt Ahmad, der sie selbst bekommen hat. Al Arabiya und die Huffington Post hatten sie ebenfalls in den Händen. Schiitische Radikale hatten in Flugblättern an die „obszönen“ Burschen und Mädchen die Warnung gerichtet, innerhalb von vier Tagen ihre „schmutzigen Gewohnheiten“ aufzugeben. 33 junge Iraker stehen darauf, mit Adressen und der Warnung:

“ If you do not stop this dirty act within four days, then the punishment of God will fall on you at the hands oft he Mujahideen.“

Dass so etwas in der Art passieren könnte, zeichnet sich schon seit einiger Zeit ab. Ich habe kürzlich in Bagdad gedreht, und jeder einzelne Künstler, den ich getroffen habe, hat mir von Drohungen erzählt. Gerade in der Metal-Szene hörte sich das beängstigend an. Ein Drummer hat mir berichtet, wie er auf offener Straße gezwungen worden ist, seine Haare abzuschneiden. Er war so eingeschüchtert, dass er acht Monate (!) das Haus nicht verlassen hat.

Aber offenbar hat das Ganze jetzt eine völlig neue Qualität angenommen. Als ich Ahmad gefragt habe, wie es nun für ihn weitergeht, antwortet er:

„well i really don’t know..we can’t predict anything now everything can burn up in a glimpse of an eye..i heard rumors that one of the metal clothings shop owners is dead. still not sure. if he is..then it’s bad as hell and they will come to us eventually…yeah no rehearsing and no concerts in here no more we can’t practice our music anywhere even at home!“

Und kurz darauf meldet er sich noch einmal:

“Hope we can get out of this alive LOL!”

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