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Kulturkrieger: Ein Interview

Mai 4th, 2013 · Allgemein

SRF Schweizer Radio und Fernsehen

Die deutsche Journalistin Katrin Sandmann berichtete über 15 Jahre lang von verschiedenen Krisenschauplätzen der Welt. Für die Doku-Reihe «Kulturkrieger» suchte sie die Orte nochmal auf und fragte nach dem kulturellen Leben in den von Krieg und Krisen zerstörten Städten und Ländern. Ein Interview.

Was gab Ihnen den Anstoss zu einer Kulturreportage aus Bagdad und anderen kriegsversehrten Städten?

Katrin Sandmann: Ich habe meinen Magister in Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte gemacht, und obwohl ich dann zum Nachrichtenfernsehen gegangen bin, sind Kunst und Kultur meine absolute Leidenschaft geblieben. Also habe ich in all den Jahren, als ich für die News an den verschiedensten Kriegs- und Krisenorten war, immer auch geschaut, ob es vor Ort eine Kunstszene gibt.

Zu Zeiten Saddam Husseins etwa gab es in Bagdad eine recht grosse Galerien-Szene. Es müssen geschätzt 30 bis 40 Galerien gewesen sein. Da gab es Vernissagen, einen regen Künstleraustausch und viele Käufer und kunstinteressierte Iraker. Und ich habe damals immer gedacht, es wäre doch phantastisch, wenn man den Zuschauern auch einmal zeigen könnte, dass Städte wie Bagdad viel mehr zu bieten haben, als einen durchgedrehten Diktator, Sanktionen und Kriegsgerassel. Die «Kulturkrieger-Reihe» macht genau das, ob in Bagdad, Kabul Mogadischu oder Gaza.

Was bedeutet Kultur den MusikerInnen, Komponisten und Filmern in Bagdad?

Sandmann: Vielleicht kann man das am besten in den Worten Ranyas, der jungen Hornistin des Irakischen Symphonie Orchesters, ausdrücken: «Musik ist mein Leben! Ohne meine Musik hätte ich die letzten Jahre hier in Bagdad nicht überlebt.»  Dem muss man, glaube ich, nichts mehr hinzufügen.

Auftritte nur in halbprivatem Rahmen

Die Kulturschaffenden und Musikerinnen, welche sie in ihrem Film vorstellen, sind alle Repression und Gewalt ausgesetzt. Aus welchen Gründen?

Sandmann: Bereits seit 1949 gibt es das Irakische Symphonie Orchester, das MusikerInnen aller Generationen zusammenführt. Das Orchester spielt einerseits westliche klassische Musik wie Beethoven und Orff, andererseits pflegt es die klassische irakische Musiktradition. Trotz des langjährigen Bestehens sind aber auch die Ensemble-Mitglieder tagtäglich Gewalt und Druck ausgesetzt und das Orchester kann heute nur noch in halbprivatem Rahmen auftreten.

Weshalb steht das Irakische Symphonieorchester so unter Druck?

Sandmann: Weil es Kräfte im Irak gibt, die Musik ganz generell als «nicht muslimisch» ansehen, als etwas, das gegen die Religion verstösst, zumindest ihrer eingeengten und mittelalterlichen Interpretation davon. Und dann mag es noch die Kräfte geben, die ein Symphonie Orchester als zu «westlich» ansehen.

Staatliche Subventionen

Wovon leben die Kulturschaffenden in Bagdad?

Sandmann: Das Symphonie Orchester wird tatsächlich vom Staat bezahlt. Irgendwie haben die Amerikaner es vor ihrem Abzug hinbekommen, dass die Zahlungen für die Musiker geregelt sind. Fragen Sie mich nicht, wie. Für irakische Verhältnisse verdienen sie gar nicht schlecht. Wobei die meisten noch Geld als Musiklehrer oder in ganz anderen Jobs dazuverdienen. Aber das Grundgehalt ermöglicht es ihnen, drei Nachmittage die Woche zu proben oder ihre Instrumente einigermassen in Schuss zu halten. Maler können nur darauf hoffen, dass sie Anschluss an eine ausländische Galerie finden. Im Irak gibt es so gut wie keine Käufer für ihre Werke. Die meisten haben nebenbei noch andere Jobs.

Haben alle Bevölkerungsschichten Zugang zu Kultur – oder ist es eine Sache für eine Elite?

Sandmann: Meist sind es tatsächlich Eliten. Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen, die nicht wissen, wovon sie ihre Familie am nächsten Tag satt bekommen sollen, gar nicht die Möglichkeit haben, sich mit Kultur auseinanderzusetzen. Wenn es ums nackte Überleben geht, spielt Kultur keine Rolle, und das ist den Künstlern natürlich auch bewusst. Trotzdem versuchen sie, möglichst viele Menschen zu erreichen, meist indem sie einfach weitermachen.

Rolling Stone entdeckt Musikszene in Afghanistan

Sandmann: Dass das auch unter erschwerten Bedingungen klappen kann, konnte ich in Kabul beobachten. Da gibt es mittlerweile eine recht rege junge Musikszene, von Heavy Metal bis Grunge und Rap. Das hat vor ein, zwei Jahren mit ein, zwei Bands angefangen. Heute gibt es unzählige Bands und im Sommer hat in Kabul tatsächlich das erste Rock-Festival stattgefunden. Das war phantastisch und sehr, sehr gut besucht. Und siehe da, selbst das Musikmagazin Rolling Stone hat plötzlich die Musikszene in Afghanistan entdeckt.

Hat sich durch ihre Beschäftigung mit dem Kulturschaffen in ehemaligen Kriegsschauplätzen Ihr eigener Blick auf den Wert von Kunst und Kultur verändert?

Sandmann: Absolut. Die meisten Kreativen, die ich in den vergangenen Monaten für die Reihe Kulturkrieger getroffen habe, haben mit bewusst gemacht, welch enorme Rolle Kunst und Kultur für die jeweiligen Gesellschaften spielen kann. Gerade in Ländern, in denen freie Meinungsäusserung höchstens auf dem Papier, nicht aber in der Realität vorhanden ist, stehen Künstler oft an vorderster Front, wenn es darum geht, Missstände anzuprangern.

Das gilt für den Irak genauso, wie für Ägypten, Afghanistan oder Somalia. Meiner Meinung nach sind die Künstlerinnen und Künstler sehr oft mutige Vorreiter im Kampf um fundamentale Menschenrechte.

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Boston – Bagdad

April 21st, 2013 · GLOBALIST, MEDIA

Im aktuellen Spiegel (17/2013) hat Ullrich Fichtner ein sehr kluges Essay über den Umgang mit Terrorismus geschrieben. Es lohnt sich den Artikel in voller Länge zu lesen. Eine Passage möchte ich hier zitieren, da Fichtner einen Punkt anspricht, über den hier nie nachgedacht wird:

“Es braucht keine Prophetengabe, um vorauszusagen, dass die mediale Reaktion auf Boston wieder viel ausführlicher und dauerhafter sein wird, als das in vergleichbaren Fällen in anderen Ländern die Regel ist. Als im August 2007 bei Selbstmordanschlägen mit vier Sprengsätzen im irakischen Distrikt Sindschar fast 800 Menschen getötet und mehr als 1500 verletzt wurden, war das Medeinecho hinterher laut, aber es war doch viel leiser als es nun im Fall Bostons – mit drei Toten und gut 180 Verletzten – der Fall ist. Die Bombe von Bagdad, die am Donnerstagabend 27 Menschen in den Tod riss, war schon am Freitag eine Meldung unter ferner liefen.
Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, und darin liegt ein Skandal, der kaum je thematisiert wird. Wenn uns aber daran liegt, dem Terrorismus das Wasser abzugraben, sollten wir uns im Westen für die Geschichten der Opfer in aller Welt mit der gleichen Anteilnahme und demselben Mitgefühl interessieren wie für jene aus Amerika.”

Ich finde, Herr Fichtner hat recht.

Und wenn das, was in den vergangenen zwei Tagen auf FB passiert ist, kein Fake sein sollte, dann finden das in gewisser Weise sogar einige Menschen aus Boston!

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Utterly Fucked Up: Berlin – Nancy

April 13th, 2013 · ...und sonst so, Allgemein

In aller Bescheidenheit – ich habe eine gewisse Expertise im Reisen. Dachte ich zumindest. Bis ich nach Nancy aufbrach.

Rein reisetechnisch keine Herausforderung:  Tegel – Saarbrücken, dann mit dem Mietwagen gute 100 Kilometer nach Nancy, et voilà.  Vielleicht ein kleiner Zwischenstopp im neue Centre Pompidou in Metz, eventuell eine kleine Erfrischung in der Brasserie Excelsior, dann die Veranstaltung an der Sciences Po, anschließend vielleicht ein Glas Wein mit den Studenten, und am nächsten morgen das ganze Retour.

Das war der Plan. Aus dem ist nichts geworden.  Präziser ausgedrückt: I utterly fucked up!  Und alle Anderen auch. Weshalb ich jetzt, mitten in der Nacht, in einer dreckigen Bahnhofskneipe in der völlig inakzeptablen  französischen Provinz hocke und darauf warte, mit einem Bus (!), der vielleicht fährt, vielleicht aber auch nicht, nach Saarbrücken zu kommen. Wo ich dann im Bahnhofshotel (!) vielleicht zwei Stunden schlafen kann, bevor ich um 06:30 Uhr zurück nach Berlin fliege. Wenn die Reise allerdings so weitergeht, stürzt die wahrscheinlich ab, was mir zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen egal ist.

Und das alles nur, weil ich meinen Führerschein vergessen habe. Kein Führerschein – kein Mietwagen! Auch nicht für Geld, Schwüre und gute Worte; auch nicht, wenn freundliche Beamte der Bundespolizei bestätigen, dass man eine Fahrerlaubnis hat. Danke Avis, Hertz und Europcar, danke! Plötzlich fühle ich eine gewisse Verbrüderung mit all den Griechen, Zyprioten, Spaniern und Italienern in ihrer vereinten Abneigung gegen die deutsche Gründlichkeit; und mit den Iren und allen anderen Völkern dieser Welt, die uns nicht mögen. Recht haben sie!

Also der Zug nach Nancy. Geht auch – zumindest auf der Hinfahrt. Leider aber nicht auf der Rückfahrt. Zumindest nicht, wenn man morgens um halb sieben von Saarbrücken abfliegt. Danke deutsche Fluggesellschaften, dass es nur einen müden Flug vom Saarland in die Bundeshauptstadt gibt. Ich meine, wie hat das eigentlich Lafontaine gemacht? Oder fliegen die von der “Linken” im Privatjet? Und danke, liebes zentralisiertes Frankreich, dass alles, was nicht Paris heißt, verkehrstechnisch ungefähr so gut angebunden ist, wie der Ost-Kongo.

23:40 Ich sitze im Bus. Der Bus fährt. Immerhin. Wobei Bus ein großes Wort für diese Schüssel ist. Kein Wunder, dass die Fahrt gut zwei Stunden dauert.

00:39 Die Fahrerin verlässt die Hauptstraße und biegt in etwas ab, das sich Forebach oder so ähnlich nennt. Scheint eine Art Stadt zu sein … ungefähr mit dem Charme des traurigsten Viertels von Duisburg – nach dem koreanischen Atomkrieg.

00:40 Wir halten an einem winzigen Bahnhof. “Isch müss eine Stemp ölen.” “Wie bitte?” “Isch müss eine Stemp ölen!” Während ich darüber nachdenke, was sie meint, steigt die Fahrerin aus und schließt mich ein. Toll.

00:43 Es regnet in Strömen.

00:50 Mir wird langsam kalt.

00:53 Die Dame kommt zurück. Wir fahren weiter.

01:15 Wir passieren das Spielcasino von Saarbrücken.

01:26 Hauptbahnhof. Zusammen mit einer schlecht gekleideten und offenbar leicht berauschten Gruppe Jugendlicher durchquere ich den einigermaßen tristen Bahnhof. Alles hier schreit “Provinz”, und ich will weg. Hinter den Schienen liegt das BB Hotel. Nicht wirklich die erste Adresse am Platz. Statt eines Rezeptionisten gibt es ein Code-Schloss an der Eingangstür. Den Code habe ich mit der Reservierung bekommen. Ich hatte ihn in meinem Handy notiert. Der Akku des Handys ist leer. Die Straße vor dem Hotel auch. Ich stehe im Regen. Wütend.

01:40  Neben meinem Führerschein habe ich auch mein Auflade-Gerät zu Hause vergessen. Ich hatte den ganzen Tag über wildfremde Menschen gefragt, ob sie das passende Gerät hätten. In Nancy  ist aber eher das Vorgängermodell im Umlauf. Danke Apple, dass Ihr es mit dem iPhone 5 für Eure Kunden unmöglich macht, sich irgendwo kurz ein Auflade-Gerät zu leihen.

01:41 Ich bin verzweifelt.

01:43 Ich hasse die Welt und vor allem Saarbrücken.

01:47 Ich sehe einen Typen am Horizont.

01:49 Der Typ kommt näher. Ich frage ihn, ob er mich kurz die Notfallnummer des Hotels anrufen lässt. Er sagt ja. Ich fühle eine aufrichtige Zuneigung, teile ihm das dankbar mit und erfahre, dass er Algerier ist. Ich finde alle Algerier ab sofort großartig. Für immer.

01:57 Ich bin im Hotelzimmer. Natürlich ohne den Algerier, falls das irgendwen interessiert.

02:00 Ich liege im Bett.

02:04 Ich beschließe, nie wieder in meinem Leben irgendwo hinzufahren. Nicht mal nach Charlottenburg.

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Pakistan!

April 9th, 2013 · Books, GLOBALIST

„In den Nachrichten ist Pakistan eine Art  Horror-Franchise, in dem Killer unterwegs sind, die dem Rest der Welt nach dem Leben trachten. Diese Killer sind 180 Millionen Menschen mit der Hand am Zünder ihrer Nuklearwaffen. Seien Sie ehrlich, das sind doch die Geschichten, die sie immer und immer wieder über Pakistan hören.“

Mohsin Hamid hat natürlich Recht. Als ich den erfolgreichen Schriftsteller in seiner Heimatstadt Lahore treffe, stellt er gerade seinen jüngsten Roman „Wie werde ich stinkreich im boomenden Asien“ vor.  Darin beschreibt Hamid den Aufstieg eines mittellosen Jungen vom Land, der es mit dem unbedingten Willen reich zu werden, sowie dem gekonnten Einsatz von Beziehungen, Schmiergeldern und Mut sehr weit bringt. Eine Art Selbsthilferoman für aufstrebende Pakistaner. Und damit, dachte ich mir, vielleicht auch ein guter Ansatz für eine vorurteilsfreie Betrachtung der pakistanischen Wirtschaft.

Aber bevor ich überhaupt mit Hamid über mögliche Vorurteile sprechen kann, die der Westen gegenüber Pakistan pflegt, fand ich ziemlich viele bereits bestätigt: zum Beispiel, dass Chaos hier gerne auch eine Art Normalzustand ist. Alleine zum Haus des Schriftstellers zu gelangen, war eine echte Herausforderung. Denn eine Gruppe wütender Schiiten hatte beschlossen, ein SIT IN auf einer der zentralen Kreuzungen Lahores zu veranstalten. Das wiederum führte in der 10 Millionen Metropole drei Tage lang zu einem derartig perfekten Verkehrschaos, wie ich es noch nicht erlebt habe. Grund für den Protest war ein entsetzlicher Anschlag in Quetta, der fast 100 Menschen das Leben gekostet hatte und eindeutig gegen die religiöse Minderheit gerichtet war.

Dass Pakistan ein seriöses Problem mit politisch, religiös und ethnisch motivierter Gewalt hat, ist also ebenfalls kein Vorurteil sondern bittere Realität und den Pakistanern schmerzlich bewusst.  Eine freundliche Dame in Lahore riet meinem Kameramann Michael Pohl und mir, schusssichere Westen einzupacken, wenn wir nach Karachi fahren. Auch nicht gerade ermutigend, allerdings auch etwas übertrieben, wie wir dann feststellten. Es ging auch ohne ganz gut.

Nicht weniger verstörend als die Gewalt ist auch das soziale Gefüge der pakistanischen Gesellschaft – ebenfalls kein Vorurteil, wie ich beim Abendessen feststellte.

Michael und ich saßen in einem Restaurant in Lahore, als eine Familie hereinkam. Der Kleidung nach zu urteilen recht wohlhabend. Im Schlepptau hatten sie, wie ich anfangs annahm, fünf Kinder. Wobei zwei von ihnen, ein etwa acht-jähriges Mädchen und ein ungefähr gleichaltriger Junge, bei näherem Hinsehen  auffallend ärmlich gekleidet waren. Das Mädchen schleppte mit sichtbarer Mühe das Baby der Familie herum. Der kleine Junge kümmerte sich um den nur wenig jüngeren Sohn. Ziemlich schnell war uns klar: die Beiden sind tatsächlich Dienstboten! Und zwar keine, die gut behandelt werden. Als das Essen kam, standen die kleinen Diener neben dem Tisch. Weder bekamen sie etwas zu essen oder trinken noch durften sie sich setzten. Acht-jährige als Dienstboten, die sich abends gegen 22:00 Uhr in einem Restaurant mitten in der Stadt mit dem Nachwuchs der Oberschicht abmühen, und niemand stört sich daran. „Wahrscheinlich arbeitet die Frau bei einer NGO gegen Kinderarbeit,“ kommentierte unser pakistanischer Producer, Fayyaz Hussain, das Ganze sarkastisch. Um dann noch düster anzufügen: „Wartet, bis ihr aufs Land fahrt.“

Genau das taten wir am nächsten Tag. Im ländlichen Punjab drehten wir die Geschichte eines Grundbesitzers. Würde er morgen sein gesamtes Land verkaufen, so erzählte er mir, bekäme er umgerechnet gut sieben Millionen Euro dafür. Nach allen erdenklichen Maßstäben ist dieser Mann also reich, auch wenn weder er noch sein Anwesen so aussahen. Der Grundbesitzer war sympathisch, und er bezahlte seine Bauern mit etwa $ 100 im Monat vergleichsweise gut. Ein Erntehelfer, Riksha-Fahrer oder einfacher Handwerker verdient zwischen einem und zwei Dollar am Tag. Gleichzeitig räumte der Grundbesitzer ein, dass auch die Lebensbedingungen seiner Arbeiter absolut inakzeptabel seien. Und das kann ich nur nachdrücklich unterstreichen. Nur hatten er und seine Familie allerdings knapp 70 Jahre Zeit das zu ändern.  Aber auf die Idee ist bislang offenbar niemand in seinem Clan gekommen.

Wie genau inakzeptable Lebensumstände aussehen, hat uns Abdul Ghafoor gezeigt. Einer von unzähligen landlosen Bauern. Er lebt mit Frau und fünf Kindern in einer Steinhütte mit zwei Zimmern. Ihr gesamtes Eigentum besteht  aus einigen klapperigen Bettgestellen und Kochgeschirr. Im zweiten Raum wohnen Ziegen und Kühe, die Ghafoor  noch nicht einmal gehören. Lohn bekommt er nicht, er darf lediglich zehn Prozent von dem einbehalten, was er erntet. Das reicht natürlich hinten und vorne nicht, weshalb er bei seinem Landbesitzer bereits mit umgerechnet  300 Euro verschuldet ist. Geld, das er nie zurückzahlen kann, und Ghafoor weiß das. Was sagt man einem Mann, der einem mit Tränen in den Augen erzählt, dass er am Ende ist, dass er weiß, dass er diesem Schicksal aus harter Arbeit und Schulden nicht mehr entkommen kann, und dass aus dem bescheidenen Traum, die Kinder zur Schule zu schicken, nichts werden wird?

Pakistan aber nur als ein desolates Armenhaus zu betrachten, das wurde uns hier schnell klar, greift deutlich zu kurz.  Mohsin Hamid, der Schriftsteller, bei dem ich trotz des lahmgelegten Verkehrs mit einigen Stunden Verspätung schließlich irgendwann angekommen bin, sieht in seinem Land mehr als „den fast gescheiterten Staat“. Aus seiner Sicht sind all die Riksha-Fahrer, Vogelverkäufer und Lastenträger pfiffige Kleinstunternehmer, die es in einem Staat ohne nennenswertes Sozialsystem erfolgreich schaffen, ihre Familien zu ernähren.

„Unternehmertum hat hier viel mit Querdenken zu tun. Pakistaner sind phantastische Unternehmer, weil sie Querdenker sind und sein müssen. Ich verstehe, warum die Leute sich dabei um Regeln herum schummeln. Es geht ums nackte Überleben. Ein einer harten Gesellschaft mit wenig  Ressourcen, einer inkompetenten Regierung und einem schier unüberbrückbaren Klassensystem, musst du einfach clever sein.“

Wohl war. Zaira etwa, eine Schmuckdesignerin, ist clever. Sie verdient gutes Geld mit ihrer Idee, traditionellen Brautschmuck kostengünstig zu kopieren. Statt dem teuren Geschmeide, das hier eigentlich zu jeder Hochzeit gehört,  können die Familien den jungen Eheleuten gut gemachte und deutlich günstigere Nachahmungen schenken. Die vielen gesparten Rupien kann das junge Glück stattdessen in eine Ausbildung oder die erste eigenen Wohnung investieren. Zaira will mich davon überzeugen, dass Menschen wie sie, dem Bild des zurückgebliebenen Landes etwas entgegenzusetzten haben.

Mian Muhammad Mansha muss niemanden mehr von irgendetwas überzeugen. Der Unternehmer hat einen festen Platz auf der Forbes Liste der Milliardäre. Und die ist nicht gerade prall gefüllt mit Pakistanern. Mansha hat aus der Textilfabrik seines Vaters das größte Industriekonglomerat Pakistans, die Nishat Group, gemacht; zu der  gehören Versicherungen, Banken, Zement- und Textilfabriken sowie ein Elektrizitätswerk. Mansha sitzt in einem schönen großen Büro im 10. Stock seiner Hauptniederlassung in Lahore. Wir gelangen in einem gläsernen, holzgetäfelten Fahrstuhl und über eine Menge sehr wertvoller Teppiche zu ihm. Der Milliardär negiert die Schwierigkeiten seines Landes nicht, unterstreicht aber lieber welches Potential Pakistan allein durch seine geographische Lage hat.

„Ich glaube, dass die Zukunft für uns gut aussieht, ungeachtet aller Probleme. Diese Region ist das wirtschaftliche Epizentrum der Welt. Und Pakistan grenzt an die beiden – nach den USA – größten Wirtschaftsmächten dieser Welt, an China und Indien.  (…) Allein darin liegen fast unbegrenzte Möglichkeiten.“

Unbegrenzte Möglichkeiten, an die übrigens auch der Held in Mohsin Hamids Buch „Stinkreich im boomenden Asien“ geglaubt hat. Er allerdings scheitert am Ende des Romans.

Diesen Text habe ich kürzlich für das 3sat Magazin geschrieben. Am 03.05.2013 ist der dazugehörige Film “Blackbox Pakistan” auf eben diesem Sender um 21:00 Uhr zu sehen. Enjoy.

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“Sie benutzen sie, wie Spielzeug!”

Januar 29th, 2013 · GLOBALIST, Kulturkrieger

Safia starrt auf ihren Computerbildschirm und wartet. Das Internet ist nervenaufreibend langsam. Die junge Frau ist das noch nicht gewohnt. In New Hampshire, wo sie bis vor kurzem gelebt hat, läuft das Internet. Aber Safia, geboren in Somalia und als Kind mit ihren Eltern vor dem ewigen Krieg in die USA geflohen, dürfte wissen oder zumindest geahnt haben, worauf sie sich einlässt. Vergangenes Jahr ist sie aus dem beschaulichen US-Bundesstaat ins deutlich weniger beschauliche Mogadischu zurückgekehrt.

So wie unzählige ihrer Landsleute, die derzeit in Nordamerika, Europa und anderen Teilen der Welt ins Flugzeug steigen, um einen Neuanfang in Somalia zu wagen. Nach 22 Jahren Bürgerkrieg glauben sie, dass die neue Regierung und die 17-tausend Truppen der Afrikanischen Union aus dem „gescheiterten Staat“ am Horn von Afrika wieder ein einigermaßen normales Land machen. Und bislang sieht es so schlecht nicht aus.

Zumindest aus der Hauptstadt Mogadischu haben die afrikanischen Truppen die extremistischen Al-Shabaab Milizen vertrieben. Die hatten bis zuletzt die ohnehin kriegsgeplagte Bevölkerung mit ihrer radikal Auslegung des Islam drangsaliert, um nicht zu sagen, terrorisiert. Kaum waren sie weg, war Safia auch schon da. Nicht, um wie die meisten anderen, ein Geschäft aufzubauen und ein neues Leben in der alten Heimat zu starten. Die Gründe von Safias Rückkehr sind persönlicher, wesentlich persönlicher.

Es geht um ihren kleinen Bruder. Er war gerade 14 Jahre alt, als die Extremisten ihn rekrutierten. Die Familie glaubt, dass es der Lehrer in der Madrassa, der Koranschule, war, der unter seinen Schülern nach Beute fischte. „Ich habe die Veränderung am Telefon bemerkt. Plötzlich fing er an, davon zu reden, dass er in den Jihad ziehen wollte. Ich will kämpfen, hat er mir erzählt. Gegen wen, habe ich ihn gefragt und er antwortete: gegen Nicht-Muslime. Als ich ihm gesagt habe, dass das das schon deshalb Quatsch sei, da es doch so gut wie keine Menschen in Somalia gibt, die keine Moslems sind, hat er wirres Zeug geantwortet.“

Irgendwann hörten die Telefonate auf, sie erreichte ihren Bruder nicht mehr. Sechs Jahre ist das her. Die Familie weiß nicht, ob er noch lebt. Das letzte Mal soll er irgendwo in der Provinz Puntland gesehen worden sein. Aber auch das ist Jahre her.

Safia ist nicht zurückgekehrt, um ihren kleinen Bruder zu suchen. Das wäre so zwecklos wie gefährlich. Safia will verhindern, dass andere junge Männer in die gleiche Fall etappen.

Mogadischu mag einigermaßen befriedet sein, aber in anderen Teilen des Landes, sieht die Situation deutlicher weniger gut aus. Allen hier ist klar, wie kurzlebig diese neue Ruhe sein könnte. Und allen ist klar, dass weder die Al-Shabaab, noch Al-Quaida oder die Warlords einfach vom Erdboden verschwunden sind. Sie sind noch da, nur eben für den Moment im Untergrund. Und wer versucht, das zu ignorieren, wird durch die unzähligen Anschläge und Morde an ihren Kritikern fast täglich daran erinnert. Deshalb gilt es, schnell zu handeln, meint Safia. Denn die Situation kann sich blitzartig wieder verändern: zum Schlechteren – es wäre nicht das erste Mal.

„Was sind Somalias Probleme? Piraten. Und wer sind die Piraten? Junge Männer zwischen 15 und 30. Terrorismus. Und wer sind die Terroristen? Junge Männer zwischen 15 und 30. Diese Jungen haben keine Alternative. Shabab, Al-Quaida oder die Warlords geben ihnen etwas Geld, oder etwas zu essen, oder gar nur einen Platz zum Schlafen. Dann unterziehen sie sie einer Gehirnwäsche und schon haben sie den nächsten Selbstmordattentäter – für ein Stück Brot und einen Platz zum Schlafen. Sie benutzen sie, wie Spielzeug.“

Mehr als 70 Prozent der Jugendlichen in Somalia haben weder Ausbildung, Job oder überhaupt irgendeine Art von Perspektive. Das hat jüngst die Untersuchung der somalischen Menschenrechtsorganisation CRD, Center for Research and Dialogue, ergeben. Für CRD arbeitet Safia jetzt. Sie versucht, quasi ohne Mittel, Programme für Jugendliche aufzulegen. Ausbildung, Kommunalarbeit, irgendetwas, das ihnen eine Perspektive gibt. Wie sie diese gigantische Aufgabe mit so gut wie keinem Geld bewältigen will, weiß sie selbst noch nicht so recht. Bislang sind es rund 100 junge Männer aus Mogadischu, die in verschiedenen Projekten etwas lernen. Das ist wenig, und das ist Safia natürlich bewusst. Andererseits – was wäre die Alternative? „Wenn wir uns nicht um sie kümmern, dann übernimmt das Al-Quaida. Wenn wir der Jugend keine Alternativen aufzeigen, jagen wir sie direkt in die Arme der Radikalen. Glauben Sie mir, die Extremisten haben die Mittel dafür, sie wissen, wie es geht.“

Nicht nur das, die Extremisten wissen auch, wer öffentlich gegen sie arbeitet. Safia hat vier Bodyguards, die sie auf Schritt und Tritt begleiten. Sie hat Angst, das sagt sie offen.

Die Internetverbindung ist am Ende unseres Gespräches nicht mehr nur langsam, sie ist vollkommen zusammengebrochen. Safia würde jetzt wahrscheinlich fluchen, wenn sie nicht viel zu höflich wäre, dass vor Besuchern zu tun. Sie würde auch manchmal gerne einfach zurück in die USA, gibt sie durch die Blume zu verstehen. „Aber wenn ich einen Jugendlichen seines Alters sehe, denke ich an meinen Bruder. Und dann sehe ich die Verantwortung, die wir als Somalis haben.“

KULTURKRIEGER MOGADISCHU, am 01.02.2013 um 22:45 Uhr in ZDFkultur

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“Ground Zero: Syria”

November 7th, 2012 · GLOBALIST

Robert King ist ein ziemlich bekannter amerikanischer Fotograf. Einer von denen, die eigentlich überall hinfahren. Einer von denen, die eigentlich schon alles gesehen haben. Bis er dann in Syrien, genauer in Homs war. King ist zunehmend frustriert darüber, das die Welt beschlossen hat, diesen Krieg – so gut es geht – zu ignorieren. Ich habe vor einiger Zeit mitbekommen, dass er versucht hat, Geld zu sammeln, um wieder nach Syrien reisen zu können. Offenbar war keines der großen Medienoutlets bereit, seine Reise zu finanzieren.

Jetzt aber hat VICE eine mehrteilige Serie von King aus Syrien online gestellt. Was er da zeigt, ist hart. So hart, dass man es eigentlich nicht anschauen möchte. Ich denke aber, man muss.

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We Came Home

Oktober 28th, 2012 · GLOBALIST, Kulturkrieger

Ariana habe ich vor einigen Wochen auf einem Festival in Kabul getroffen. Da hat sie mir von ihrem Film erzählt, der jetzt herauskommt. Zehn Jahre lang hat die US-Agfhanische Sängerin an einer Dokumentation über Afghanistan gearbeitet. Was sie zusammengetragen hat, dürfte wahrscheinlich mehr über dieses Land erzählen, als alle Nachrichtenstücke der vergangenen Jahre zusammen.

Born in LA the year the Soviets invaded Afghanistan, Ariana Delawari’s life is filled
with refugees, Afghan music and her father’s dedication to his homeland. September
11 changes their lives. Her parents sell everything and move back to Kabul where
Delawari finally sees Afghanistan for herself. She spends 10 years documenting her
father’s homeland through photographs, film and music, believing she is witnessing
the birth of a free country. Her father thrives as he helps reconstruct Afghanistan’s
banking system. With the Taliban resurgence, Delawari records an album with
Afghan master musicians in Kabul and names it “Lion of Panjshir” after Afghanistan’s
revolutionary hero. When filmmaker David Lynch releases the album, Delawari
receives international acclaim, yet she is heartbroken, as the situation in Afghanistan
grows worse. In 2011, Delawari’s father is arrested and, terrified that he could be
wrongfully imprisoned, she finally understands why her father could never abandon
his people and grasps why Afghanistan cannot be forgotten.

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Beachclubbing in Mogadischu

Oktober 20th, 2012 · GLOBALIST, Kulturkrieger

Ich hätte es jetzt auch nicht unbedingt erwartet, aber wenn man erst einmal hier ist, ist es eigentlich ganz einfach. Man setzt sich ins Auto und fährt ca. 15 Kilometer (auf einer zugegeben unfassbar schlechten Straße mit gigantischen Schlaglöchern) aus Mogadischu heraus, immer am Indischen Ozean entlang – Richtung Süden. Und irgendwann landet man im … Paradies. Genau im Paradies mitten in Somalia.

Ich mache es kurz: St.Tropez kann einpacken (theoretisch) denn dieser Strand ist so unglaublich schön, dass es einem dem Atem verschlägt. Keine miesen Bausünden, statt dessen feinster weißer Strand und bestes türkisfarbenes Meer. Und von dieser Pracht hat das Land mit dem wahrscheinlich schlechtesten Ruf der Welt satte 3000 Kilometer! Nicht nur das, es gibt, zumindest in dieser Bucht, auch noch so eine Art Beach Club, vor kurzem von einem Somali eröffnet, der beschlossen hat, London den Rücken zu kehren, und in seine Heimat zu investieren. Das hat er ziemlich gut gemacht: Es gibt Schatten, der Fisch springt praktisch vom Meer auf den Grill und man ist umgeben von einem Haufen bestens gelaunter Somalis.

Viele sind, genau wie der Besitzer von Jazira Beach, erst vor kurzem aus der Diaspora zurückgekommen; aus Kanada, den Niederlanden, der Schweiz Indien oder den USA. Mitgebracht haben sie einen unglaublichen Zweckoptimismus. Es wird bergauf gehen mit Somalia, meinen hier alle.

Wenn, ja, wenn man die Sache mit der Sicherheit in den Griff bekommt. Dass da das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist, wird auf dem Parkplatz ziemlich schnell ziemlich deutlich. Da parken Pick-ups, und zwar viele. Und auf diesen Pick-ups sitzen je vier bis acht Sicherheitsleute, gut ausgerüstet mit Kalaschnikows oder deutlich großkalibrigerem Waffenzeugs. Ohne eine solche Eskorte wagen sich die wenigsten nach Jazira Beach.

Der Besitzer ist recht genervt von den Sicherheitsleuten (obwohl er selber welche angestellt hat, aber die halten sich unauffällig im Hintergrund). Dabei hat er gerade selber schmerzhaft erfahren,  dass es mit der Sicherheit in diesem Land nicht weit her ist.  In einem seiner neu eröffneten Restaurants in der Stadt hat sich kürzlich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt und mehrere Menschen mit in den Tod gerissen. Sein Ziel waren somalische Journalisten.

KULTURKRIEGER MOGADISCHU  ab  Januar 2013 auf ZDFkultur

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Während die Deutschen packen …

Oktober 12th, 2012 · GLOBALIST, Kulturkrieger

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat aus Sicherheitsgründen die Leiterin ihrer Hilfsprojekte für Afghanistan nach Deutschland zurückbeordert. Die Stiftung beruhigt und sagt, dass die Arbeit im Land natürlich weitergeht. Aber machen wir uns nicht vor. Das ist ungefähr so überzeugend, wie wenn mir jemand in einem lecken Schlauchboot mitten auf dem See erklärt, ich würde trockenen Fußes an Land kommen.

Vielmehr dürfte dieser – zu diesem Zeitpunkt unerklärliche – Abgang ein kleiner Vorgeschmack auf das sein, was die Afghanen wahrscheinlich in den nächsten Monaten erleben werden: einen Massenexodus ausländischer Stiftungen und NGOs.

Und während die erste Deutschen packen, schmeißen die Franzosen in ihrem Kulturinstitut mit dem Sound Central Festival eine drei Tage Sause für die afghanische Jugend. “Warum sollten wir jetzt gehen,” antwortet die französische Diektorin des Instituts ziemlich verdutzt auf meine Frage, ob sie in diese Richtung Pläne hätte.

Während die ersten Deutschen packen, produziert ein amerikanischer Regisseur, der in Kabul lebt wie in Kalifornien, in einem Haus mit Garten, ohne Sicherheit, und der sich mit Taxen von A nach B bewegt, mitten in der Stadt einen Hollywood-reifen Film und bildet dabei auch noch afghanischen Jugendlichen im Filmemachen aus:

Während die Deutschen packen findet in Kabul eine TEDx Konferenz statt, mit jungen Künstlern, wie Abdul Qasem Foushanji, Teilnehmer der documenta 13, der den Zuschauern seine Visionen für Afghanistan erklärt: “Art Can Change: Art is Easy and Change is Not Hard”. (…) showing it more can be a way to create solutions.”

Während also die ersten Deutschen einpacken, sagt mir die fabelhafte US-Afghanische Sängerin Ariana Delawari: “Wenn wir jetzt aufgeben, dann war doch alles umsonst.”

Natürlich gibt es niemanden in Kabul, der sich keine Sorgen darüber macht, was nach 2014, also dem Abzug der NATO, passieren wird. Aber die westlichen Botschafter werden nicht müde uns Journalisten in Hintergrundgesprächen zu versichern, dass der Abzug der Soldaten nicht gleichbedeutend sei, mit dem Ende der Hilfe für Afghanistan. Dass ausgerechnet eine poltische Stiftung jetzt ein ganz anders Zeichen setzt, mutet da zumindest merkwürdig an.

Und während die Deutschen packen, produziert Ariana Delawari ihre Videos in Afghanistan:

“I wanted the video to celebrate everything the Taliban has attempted to destroy — music, art, women, dance, and the future of Afghan girls.”

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Wie geht eigentlich Diplomatie?

September 23rd, 2012 · Books

Irgendwie geht mir der ganze Wahnsinn um islamophobe Christen in Amerika und angeblich beleidigte Muslime zwischen Peschawar und Kairo derart auf die Nerven, dass ich beschlossen habe, mich mit Rumänien zu beschäftigen.

Das liegt auf der Hand, denn es gibt da dieses großartige Buch „The Last Hundred Days“ von Patrick McGuinness.

Es geht darin um einen englischen Studenten, der  kurz vor dem Sturz von Ceausescu eine Stelle an der Uni Bukarest antritt – ohne sich jemals auf diese Stelle beworben zu haben.

„I had not been to any interview. I had applied for a dozen postings, been interviewed for six, and failed to get any. When the Romania job came up I was too disheartened even to turn up to the interview. When, two days later, I received a letter „pleased to inform me“ I had been selected, I thought it was a joke. When the visa followed a week later, I realized it wasn’t (…) I had dramatically improved my employability by not even attending.“

Er tritt also den Job an und trifft als erstes einen gewissen Leo, „ein zynischer Dandy, Philologe und König des Schwarzmarktes, führt ihn durch das Labyrinth einer absurden, doppelbödigen Stadt, in der jeder jeden bespitzelt und wo die einen hungern, während die anderen einem perversen Luxus frönen. Patrick McGuinness erzählt in seinem Roman vom ungeheuerlichen Leben der Menschen in den letzten Tagen einer Diktatur.“ (Das habe ich, der Einfachheit halber, und weil ich wenig Zeit habe, vom deutschen Klappentext abgeschrieben. In der deutschen Ausgabe heißt das Buch übrigens „Die Abschaffung des Zufalls“, keine Ahnung wieso. Denn dieser Titel hat wenig bis nichts mit diesem Buch zu tun. Warum konnte  der Zsolnay Verlag nicht einfach auf die naheliegende Lösung „Die letzten Hundert Tage“ kommen?

In der Originalausgabe auf jeden Fall ist das Buch eine Wucht! Auch weil es zwar eine ganz bestimmt untergehende Diktatur beschreibt, viele seiner Beobachtungen aber  genauso auf Tunesien in der Ben-Ali-Endzeit oder Ägypten vor dem Sturz Mubaraks passen würden. Etwa, wenn ein belgischer Chargé d’Affaires dem Erzähler erklärt, wie internationale Diplomatie funktioniert: „Young man, in diplomacy there are two kinds of problem: small ones and large ones. The small ones will go away by themselves, and the large ones you will not be able to do anything about. The biggest challenge in your career will come from the temptation to act.“  Woraus der Autor/Erzähler etwas später den treffenden Schluss zieht:  „Diplomacy: the ability to stare the future in the face without meeting ist eye.“

Ich meine, hatten wir uns nicht alle gefragt, wie es passieren konnte, dass keiner unserer zahlreichen Botschafter in Tunis, Kairo etc. in der Frühphase der Umwälzungen bemerkt hatte, dass da direkt vor ihren Residenzen Historisches ablief?

Egal – in Bukarest auf jeden Fall trifft der Erzähler nicht nur Diplomaten, er trifft Untergrunds-Opositionelle, die dann aber eigentlich doch Securitate-Männer sind, schreibt heimlich die Autobiographie eines in Ungnade gefallenen Staatsdieners, verliebt sich mehrmals, lernt, warum der Winter „perfect police state weather“ ist, und landet am Ende in Jugoslawien um ganz am Ende in einen leeren Zug nach  …  zu steigen.

Ich habe dem Buch eine Nacht geopfert, das war es wert. Vielleicht, überlege ich mir gerade,  kann man so ein Buch nur schreiben, wenn man eine Biographie wie Patrick McGuinness hat. Der Mann ist zwei Jahre jünger als ich, in Tunesien geboren und hat in seinem mittellangen Leben bereits in Iran, Venezuela, Frankreich, Belgien und, eben Rumänien gelebt. Jetzt lehrt er in Oxford. Groß!

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